ausbildungsgrundlage

Die Ausbildung zum Coach für interkulturelle Arbeit geht von einem konstruktivistischen Ansatz aus. Fremdes und Befremdliches werden aus diesem Blickwinkel als Konstruktionen eines Subjektes verstanden, ebenfalls die damit verbundenen Gedanken und Gefühle.

Individualität und individuelles Empfinden werden dabei nicht als solipsistisch bzw. als unvereinbar mit einer Sozialität verstanden. Leben wird zu Leben in Annahmen. Zu diesen Annahmen zählen die mannigfaltigen Bilder, die wir uns von anderen Menschen machen. Sie werden geprägt durch geteilte Annahmen. Besonders ethnische Vorurteile zählen zu diesen geteilten Annahmen. Dabei werden Vorurteile aus konstruktivistischer Perspektive zunächst als wertfrei und lebensnotwendig definiert. Der Wunsch, durch das Meer unbändiger Individualität steuern zu können, zwingt uns gar, Annahmen zu machen und diese Annahmen zu bündeln, sie zu systematisieren und sie in Kategorien zu denken. Wir orientieren uns an Annahmen, festigen sie und versachlichen dabei Menschen. Menschen werden zu „Deutschen“, „Zuwanderern“, „Gästen“, „Fremden“, „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“, „Jugendlichen ohne Migrationshintergrund“, „Italienerinnen“ etc.

Diese Betrachtungsweise ist nicht neu: Platons Höhlengleichnis mit seiner Ideenlehre deutet darauf hin: Wir haben keinen direkten Zugang zu den Dingen. Wir sehen allenthalben ihre Schatten an uns vorbeiziehen und formen unsere Vorstellungen daraus. Wir reden über die Dinge, als ob sie so wären. Wir nehmen Dinge für wahr, die wir nicht wahr-nehmen können. Individuelle Vorstellungen führen zu sozialen Konstrukten, die alsbald verdinglicht werden. Dies geschieht, wenn Menschen einzelnen Kategorien wie „Nationalität“, „Ethnie“ oder „Kultur“ zugedacht werden. Wir arbeiten mit Bildern von Menschen, als ob Menschen diese Bilder wären.

Systemisch-konstruktivistische Ideen beeinflussen auch im Wesentlichen die Idee einer interkulturellen Selbstgeschichte, wie sie sich im Laufe der Ausbildung entwickelt hat. In dieser interkulturellen Selbstgeschichte spiegelt sich ein sich beständig änderndes Ich. Nur das einzelne Leben, wie es sich zeigt, erzählt über den Menschen, der es lebt. Nicht das Wissen über ethno-kulturelle Standards, sondern dem einzelnen Menschen zugewandte Haltungen und Handlungsmuster bilden so die Grundlage für eine interkulturelle Ausbildung, die sich an der Vielfalt misst. Die systemisch-konstruktivistische Position geht von einem entschieden individuellen Menschenbild aus. Wir sind als Menschen autonom, nicht lenkbar, wenngleich so manche Ideen Einzelne regelrecht fesseln können.

Didaktisch orientiert sich die Ausbildung an Biografienansätzen, wie sie von zahlreichen Autoren theoretisch wie praktisch in den unterschiedlichsten Facetten diskutiert werden. Vielfalt wird nur durch Begegnung von Geschichten einzelner erlebbar. Die Ausbildung verbindet exemplarisch Theorie mit gelebtem Leben und wird schon damit praxisrelevant, indem sie Lebenserfahrungen unterschiedlicher Art zur Sprache bringt. In der Begegnung wird bereits ein wichtiges Ziel erreicht, das zu dem nun genauer zu betrachtenden Perspektivenwechsel führen kann.

Der Perspektivenwechsel 

Einem ausgedienten „wir und die“ steht ein anderes „wir“ gegenüber: dem Primat der Vielfalt und dem Diskurs verpflichtet, wohl aber entschieden antirassistisch. Auf der Suche nach Möglichkeiten, nach Chancen und gemeinsamen Perspektiven wendet sich die interkulturelle Position dieser Ausbildung gegen ein Schattendenken, das die Welt ausschließlich schwarz oder weiß sieht. Diskriminierungen werden als Folgen dieses Schattendenkens verstanden. Das neue „ihr“ beinhaltet demnach erstens eine gesellschaftlich-emanzipatorische Komponente – es fordert die klare Absage an gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen, welche die Vielfalt bedrohen. „Ihr“ teilt nicht das Primat der Vielfalt und des Diskurses, „ihr“ verletzt andere oder engt sie ein wegen ihres Andersseins. Die bloße Erkenntnis, dass Menschsein auf die Akzeptanz der Vielfalt gründet, verpflichtet zu Solidarität.

Das neue „ihr“ ist zweitens ein ganz individuelles, denn Schattendenken ist keine Wesenseigenheit, die man nur den anderen, den Rassisten, den Sexisten etc. zuschieben kann. Schattendenken ist allen Menschen in unterschiedlicher Ausgeprägung eigen.

Auch durch die konsequent paritätische Besetzung der Leitung durch Trainer*innen mit und ohne Migrationshintergrund trägt die Ausbildung zu einem Perspektivenwechsel bei. Mit dieser Maßgabe wirken die Träger jenen paradoxen Tendenzen entgegen, wonach ausschließlich Trainer*innen ohne Migrationshintergrund womöglich auch noch Teilnehmer*innen ohne Migrationshintergrund in Bezug auf jene mit Migrationshintergrund die Welt erklären und umgekehrt. Mit dieser Maßgabe werden die Träger den lehrreichen Erfahrungen klassischer Einwanderungsländer gerecht, wonach interkulturelle Öffnungsprozesse und eine antidiskriminierende Grundausrichtung zwei Seiten der gleichen Medaille darstellen.

Sämtliche Trainer*innen haben die Ausbildung selbst durchlaufen und dabei an ihrer Gesamtentwicklung mitgewirkt. Sie entstand in einem Team vieler junger Leute mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne pädagogische Ausbildung, das gemeinsam über 30 Sprachen spricht. Die Ausbildung geht in ihrer Grundausrichtung so weit auf notwendige Distanz zur Praxis, dass ein Perspektivenwechsel möglich wird. Über zahlreiche Übungen, die biografienorientierte Arbeitsweise und die modular organisierten Reflexionsrunden holt sie den lebensweltlichen und pädagogischen Alltag jedoch immer wieder ein. Und: Die Trainer*innen kommen aus der Praxis.

Bei der Zusammensetzung der Teilnehmer*innen achten die Träger der Ausbildung ebenfalls auf einen sinnvollen Proporz zwischen Männern und Frauen mit und ohne Migrationshintergrund

Die biografische Herangehensweise 

Über die methodisch-didaktischen Rahmenbedingungen wird sichergestellt, dass in der Ausbildung die Menschen mit ihren Geschichten im Mittelpunkt stehen. Während der Auseinandersetzung mit den Geschichten anderer verändert man sich selbst. Die Ausbildung zum Coach für interkulturelle Arbeit mag also durchaus als biografische Reise von sich weg und zu sich selbst zurück verstanden werden. Viele der dabei angebotenen Übungen können direkt in die eigene praktische Arbeit übernommen werden.

Das Pass-System

Alle, die an einem Angebot der Träger oder ihrer Partner teilnehmen, das einzelne Ausbildungsmodule aufgreift, erhalten den Pass zum Coach für interkulturelle Arbeit. Dieser Pass enthält vier Bereiche interkultureller Theorienbildung mit den entsprechenden Modulen (siehe unten). Für jedes durchlaufene Modul, erhalten die Passinhaber*innen einen Stempel, der die Teilnahme bestätigt. Wenn in den vier Bereichen eine Mindestzahl von je fünf Modulen durchlaufen wurde, findet ein Abschlussgespräch statt. Im Anschluss daran erfolgt die Zertifizierung zum Coach für interkulturelle Arbeit. Die grundständige Einführung garantieren viertägige Ausbildungsreihen, die ebenfalls modular belegt werden können.

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